Tattoos der subsaharischen Länder Afrikas: Teil 5
Geposted von Lars Krutak, am 30 August 2010Manche Körperverzierungen der Nhúngüé und ihrer Nachbarn, der Chicunda ähnelten Geschwülsten, doch der berühmte portugiesische Anthropologe J.R. Dos Santos bevorzugte den Begriff “Relief-Tattoos”, denn die Schnittwunden waren mit einem Farbstoff aus Kohle eingefärbt. Jeder Mann oder jede Frau konnte die Körperverzierungen vornehmen, wenngleich es aber besondere Experten gab, die für ihr Talent geschätzt wurden. Sie hießen bei den Nhúngüé nhabézis oder ‘Doktoren’.
Als Werkzeuge wurden spezielle Lanzetten benutzt, die der Dorfschmied anfertigte. Doch mit zunehmendem Kontakt zur Außenwelt ersetzten Rasierklingen bald die traditionellen Werkzeuge.Die Frauen der Nhúngüé und Chicunda waren überall am Körper stark tätowiert. Neben den gebräuchlichen Motiven sah Dos Santos einst zwei Buchstaben, die zwei Herzen auf den Brüsten einer Nhúngüé-Frau zierten. Diese Buchstaben waren die Initialen eines weißen Mannes, der mit der Frau zusammengelebt hatte.
Morphologisch bestanden die traditionellen Zeichnungen aus geradlinigen Schnitten oder mehr oder weniger punktierten Einstichen, die frei an Oberkörper oder Schenkeln in Kreuzform, als Raute oder kreisförmige oder geradlinige Muster verteilt wurden. “Interessante” Astformen oder Fischgräten-Motive zierten ihre Wangen.
Für diese Frauen-Motive ist keine spezielle Bedeutung überliefert, dennoch galten Tätowierungen an den Innenseiten der Oberschenkel als erotisch und stimulierend.
Heidi Gengenbach studierte die Relief-Tattoos mosambikanischer Frauen aus der südlichen Provinz Maputo. Sie beschrieb ebenfalls erotische Tattoos und dass nicht tätowierte Mädchen als “glitschig” wie ein Fisch galten und die Männer sie nur schwer “anfassen” konnten. In ihrem detailierten Bericht, der auch Bilder und Informationen zur Tätowierpraxis (tinhlanga) verschiedener Shangaan sprechender Stämme enthalten, verwebt Gengenbach kunstvoll die Erzählungen der Stammesmenschen zu einer Prosa, die unsere bisherigen Annahmen über den afrikanischen Körperkult in Frage stellen.
Sie schreibt:
Viele der befragten Frauen vertrauten mir lachend an, dass die Tätowierungen “den Ehemann glücklich machen”, denn wenn ein Mann den tätowierten Körper einer Frau berührt und streichelt, dann “erwacht” sofort sein Penis. Gleichzeitig betonten sie, dass das gesteigerte sexuelle Interesse der Männer eindeutig mit ihrer eigenen sexuellen Befriedigung einhergeht: tinhlanga veranlasste die Männer nicht nur, die Frauen intensiver zu streicheln, die Tätowierungen sind gleichzeitig die Garantie dafür, dass er wieder “erwacht” (wenn sein Penis zum Beispiel an ihrer vernarbten Haut ruht) und somit auch noch eine zweite oder dritte Runde im Ehebett drin war. Viele Frauen erhielten ihre ersten Tattoos lange bevor sie in die Pubertät kamen und sammelten auch im Erwachsenenalter weiter Verzierungen. Sogar dann, wenn sie nach einer gescheiterten Ehe zu der Überzeugung gelangt waren, dass sie “keine Männer mehr wollten”. Das Bestreben, für Männer attraktiv zu sein, spielte sicher eine wichtige Rolle und manche Frauen erweiterten ihre thinhlanga auch noch als sie bereits verwitwet oder geschieden waren. Ein Beweggrund dafür war sicherlich, dass sie einen neuen Mann finden wollten, doch die Frauen beschrieben ihre Motivation für die Relief-Tattoos niemals vor dem einzigen (oder vorrangigen) Hintergrund, die sexuellen Ansprüche der Männer zu erfüllen…
…[Stattdessen] wurde aus ihren Erzählungen deutlich, dass dieses schmerzhafte Schönheitsideal eher auf die weiblichen als auf die männlichen Betrachter ausgerichtet war.
Ich werde auf ihre Beweggründe noch genauer eingehen, doch zuerst möchte ich kurz schildern, wie in Maputo tätowiert wurde. Die ältesten Menschen, die Gengenbach befragt hatte, hatten ihre Tattoos Anfang des 20. Jahrhunderts erhalten. Es waren geschwulstartige Tätowierungen, die von Frauen gestochen wurden. Dazu hoben sie die Haut ihrer Kunden mit einem Angelhaken, einem Dorn, einer Sicherheitsnadel oder den Fingern an und ritzten die Haut an der Oberfläche ein, mit einem oder mehreren Schnitten mit einer Rasierklinge oder einer Glasscherbe. (Ich wurde auf ähnliche Weise von einem Hamar in Äthiopien tätowiert und ich kann euch aus eigener Erfahrung versichern, dass die Schmerzen fast unerträglich sind!)Dann rieben die Tätowierer aus Maputo eine Mischung aus zerriebener Holzkohle und Rizinusöl oder rotem Ocker in die Wunden, um sie dunkler zu färben.
Ich habe mir auch ein Narbentattoo bei den Makonde im Norden Mosambiks machen lassen und sie benutzten ebenfalls eine Tinktur aus Ruß, Rizinussamen und Wasser. Rizinusöl wird außerdem über die gesamte Wunde gestrichen, damit sie besser heilt.
Zwischen 1920 und 1940 verdrängten Nadeln aus Stahl geschwind die traditionellen Tätowierinstrumente der Magude und das Tätowieren an sich wurde weniger schmerzvoll. Allerdings waren die Tätowierungen nun auch flacher und weniger fühlbar, deshalb ging die sexuelle Bedeutung der Körperverzierungen ebenfalls verloren.
Doch die erotische Komponente war nicht die einzige, die unter der neuen revolutionären Tätowiertechnik zu leiden hatte.
Gengenbach meint, dass die zentrale Aufgabe der Frauen-Tattoos nicht die Erotik war; vielmehr stärkten sie das Selbstbewusstsein der Frauen. Viele ältere Frauen erzählten ihr, wie sie “abgestochen” oder “zerhackt” wurden, ihr Blut in Strömen floss, wie sie dachten, man würde ihnen die Gedärme herausreißen usw. Sie sagt: “Mädchen, die diese Tortur stoisch über sich ergehen ließen, galten als ‘stark‘ oder ‘beständig’ (kutiya) und ‘mutig’ (kutimisa); Frauen, die sich mehrfach tätowieren ließen trugen den ständigen Beweis auf der Haut, das sie ‘furchtlos’ (kuchava) waren, denn schließlich hatten sie viel Blut vergossen.
Gengenbach weiter:
[Blut ist] eine Metapher sowohl für die tief verwurzelten Pflichten der Familie gegenüber als auch für die Anstrengungen, die mit der Erfüllung der persönlichen Lebensziele verbunden sind (“Kein Tattoo ohne Blut” – für alles, was man erreicht, muss man Opfer bringen); Blut ist eine positive Kraft, es garantiert persönliches Wohlergehen, heilt Krankheiten, schützt vor Unglück oder davor dass Geister von einer Person Besitz ergreifen, wenn es in Form eines Tieropfers dargebracht wird oder während eines Heilrituals getrunken wird. Gleichzeitig ist das Blut die heimtückischste Körperflüssigkeit: Blutverlust schmälert die körperliche und moralische Stärke (einem korrupten oder feigen Menschen wird nachgesagt, er habe “weiches Blut”); Blut, das zu Boden tropft, muss augenblicklich mit Sand bedeckt werden, sonst könnten es “Zauberer” für tödliche “Flüche” (“tingati” genannt, der Pluralform von “Blut”) nutzen; und Nahrungsmittel wie Milch oder Bier können lebensgefährlich werden, wenn sie durch Magie in Blut verwandelt werden. [Somit] bedeutet tätowiert zu werden, dass man sein eigenes Blut frei zu Boden fließen lässt und dadurch angreifbar wird für übernatürliche, gesundheitschädliche oder innergemeinschaftliche Bedrohungen jeder Art. Dennoch wird man für das Blut, das für tinhlanga vergossen wird, reichlich entlohnt: neue Verwandschaftsbeziehungen entstehen (eine Art von “Blutsschwestern”); man beweist Mut und Tapferkeit; und ironischerweise eine Art von doppelt geschlechtsübergreifendem Prestige, denn wenn das Tätowieren Mädchen zu Frauen macht, so ist dies teilweise eine Nachahmung der Heldentaten der Männer auf dem Schlachtfeld.


Dirk-Boris Rödel
Heiko Krämer
Jan Burger


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