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Tattoos in der Südsee: Teil 17

Geposted von Lars Krutak, am 15 März 2012

Larskrutak_2_126Kriegerkunst

Im Laufe des Lebens blieb kein Stückchen Haut ungezeichnet. Die Krieger der Marquesas waren komplett tätowiert, inklusive Augenlider, Nasenlöcher, Zunge, Ohrläppchen und Zahnfleisch. Die Muster auf den Unterarmen kamen besonders zur Geltung, wenn sie ihre Kriegskeulen erhoben um einen Feind zu zerschmettern. Und natürlich waren Männer mit wenigen Tätowierungen auf dem Schlachtfeld leicht auszumachen und somit das erste Ziel für erfahrene toa.

Kampferprobte Männer trugen spiralförmige Zeichnungen über den Augen. Spiralen auf den Wangen und Hüften, kokoata genannt, zeichneten Häuptlinge aus. Ebenso winzige Zeichen an der Innenseite des linken Knöchels, die Dornen ähnelten. Nach einer Schlacht suchte der Priester der siegreichen Armee die Getöteten nach diesen Knöchelmarkierungen ab, um festzustellen ob ein Häuptling getötet und somit eine “große” Schlacht geschlagen wurde. Weitere Zeichnungen erhielten die Krieger, wenn sie einen Feind getötet oder gegessen hatten. Fig42_126

Die Krieger unterstrichen ihr martialisches Erscheinungsbild außerdem mit Insignien wie Federkopfschmuck und derben Verzierungen aus Menschenhaar, die sie um die Schultern, die Hüfte und die Gliedmaßen trugen. Wenn die toa in die Schlacht rannten, bewegte sich dieser Schmuck weithin sichtbar. Dadurch entstand der Eindruck, sie näherten sich extrem wild und schnell und verwirrten ihre Feinde. Ein Autor schrieb:


Ich hatte einige Krieger gesehen seit meiner Ankunft, viele von ihnen trugen prächtigen Federschmuck, der an Hähne oder Fregattvögel erinnerte und lange Federn tropischer Vögel enthielt; lange Haarbüschel hatten sie um ihre Hüften gewunden, um ihre Knöchel und Lenden: einen Mantel, manchmal aus rotem Stoff, häufiger jedoch aus weißem Papierstoff [tapa] … hatten sie nicht unelegant über ihre Schultern geschwungen, mit großen runden oder ovalen Ornamenten in ihren Ohren, aus Walzähnen, Elfenbein oder einer Art weichen, hellen Holzes gemacht und mit Kreide geweißt; um ihren Hals hing ein Walzahn oder eine auf Hochglanz polierte Muschel, und um ihre Lenden mehrere Schichten gröberen Papierstoffs, dessen Ende wie eine Schürze herab hing: dies in Kombination mit einem schwarzen, auf Hochglanz polierten Speer von etwa 3,70 Meter Länge, oder einer Keule mit Schnitzereien, die sie auf den Schultern trugen, machte die Kleidung und Ausrüstung eines Eingeborenenkriegers aus, dessen Körper vollständig und elegant mit Tätowierungen verziert war, in einer Weise ausgeführt, die unsere Bewunderung hervorrief.

Viele toa trugen außerdem die dekorierten Schädel ihrer Opfer als Kampftrophäen. Manchmal waren diese mit Naturmaterialien geschmückt, um die Feinde weiter zu demütigen, wie ein Zeitzeuge aus dem 19. Jahrhundert schrieb: “Diese Schädel schmückten die Häuser aller berühmten Krieger, die ihnen zum Spott Muschelaugen, Nasen aus Holz und Schweinezähne verpassten.” Dieses eindrucksvolle sichtbare Statement war nicht nur eine nachdrückliche Warnung an potentielle Widersacher, es regte auch die Fantasie der europäischen Schriftsteller jener Zeit an, die diese Darstellungen in ihren Werken für die Leser mit nach Hause brachten.





Tattoos in der Südsee: Teil 16

Geposted von Lars Krutak, am 14 Februar 2012

Fig41A_252Krieger auf den Marquesas 
Wenn sich der opou von seinem ersten Meeting mit dem Tätowierer erholt hatte, erhielt er im Laufe seines Lebens immer weitere Zeichnungen, bis sein Körper fast schwarz war. Dies war gleichzeitig ein typisches Merkmal für die Männer, die der Kriegerklasse angehörten. Sie sammelten Ruhm und Reichtum an, indem sie für Häuptlinge kämpften, die die verschiedenen Täler beherrschten. 

In jedem der tiefen Vulkantäler der Marquesas lebten autonome Gruppen mit Häuptlingen (haka'iki) und Normalsterblichen, die kollektiv als mata'eina'a bekannt waren. Benannt wurden sie nach einem bestimmten Vorfahren und regiert wurden die mata'eina'a von einem oder mehreren haka'iki, deren politische Macht normalerweise nicht über ihr Tal hinausreichte. Meist waren sich die benachbarten mata'eina'a feindlich gesinnt und die Talbewohner lagen in einem ständigen bewaffneten Konflikt mit ihren Nachbartälern.

Da Stammeseinheit untypisch für die Region war, variieren die Begriffe und die Symbolik in Verbindung mit den Tattoo-Motiven von Tal zu Tal – oder sogar zwischen den einzelnen Tätowierern. Trotzdem gab es Fig41B_252 einen Grundstock an Motiven, die regional bekannt waren. Dazu zählten Symbole aus der Natur, Tiermotive (Echsen, Schildkröten, Haie) oder anthropomorphe Figuren (tiki) und davon abgeleitete Formen, die eine wichtige Rolle in der Mythologie der Marquesas spielten. Einige dieser Motive wurden auch als spirituelle Beschützer verehrt oder als Zeichen der Abstammung von göttlichen Vorfahren – was ebenfalls eine gewisse übernatürliche Unterstützung garantierte. Natürlich wurden die meisten Tätowierungen von Kriegern getragen, die sich buchstäblich in eine Art Rüstung aus Tattoos warfen.

 Wie in vielen anderen indigenen Kulturen wurde die gesellschaftliche Stellung der meisten Männer von ihren Leistungen auf dem Schlachtfeld bestimmt. Zwar wurden die Kriegsfeiern von den haka'iki abgehalten, die Kämpfe selbst waren jedoch fast ausschließlich Sache der toa. Dies war die Klasse der halbprofessionellen Krieger, der zweitmächtigsten nach den Häuptlingen und Schamanen.

Bei den Kriegern der Marquesas waren die Tätowierungen Teil der psychologischen Kriegsführung. Sie sollten ihren Feinden Angst einflößen. Nach jeder Schlacht fügten die Männer neue Zeichnungen hinzu, um ihre Errungenschaften zu verewigen. Auch wenn sie schon komplett tätowiert waren - dann wurde eine weitere Schicht drübergelegt.





Tattoos in der Südsee: Teil 15

Geposted von Lars Krutak, am 7 Februar 2012

Larskrutak_126Das Tätowierhaus auf den Marquesas war äußerst tapu sowohl für Fremde als auch für Insider. Die Assistenten des tuhuna waren auch besonders tapu und durften nur spezielle Speisen essen. Für opou und ka’ioi, die tätowiert wurden, galten ebenfalls Nahrungstabus. Über mehrere Tage durften sie kein Schweinefleisch essen und keine Kava-Getränke trinken. Dadurch sollten die Wunden beim Tätowieren weniger bluten und sich später nicht so stark entzünden.

Die Dauer des Tätowierprozesses war abhängig vom Glück und Gesundheitszustand des opou. Von einem Mann aus Nuku Hiva hieß es, dass er komplett in drei Tagen tätowiert wurde. Die Beine und der Rücken eines anderen Mannes von Hiva Oa waren in sieben Tagen fertiggestellt. Die Motive wurden normalerweise in entspannter Atmosphäre gestochen. Pro Sitzung wurde ein Körperabschnitt bedeckt. Zwischen jeder Tätowiersession wurde eine dreitägige Pause eingelegt, die sogenannten “Tage des Blutes”.

Nach dem Tätowieren entzündeten sich die Wunden meist, oft 8 bis 12 Tage lang mit Fieber und manchmal auch mit Schwellungen. Manche überlebten es nicht. Der Saft aus dem Stamm der Fig40_252Bananenstaude diente als Wundsalbe, um die Heilung zu beschleunigen. Manchmal wurde auch eine entzündungshemmende Salbe aus den Blättern des Hibiscus oder den heilenden Früchten des Noni-Baums aufgetragen. In der Regel dauerte der gesamte Tätowierprozess zwischen zwei Wochen und vier Monaten.

Wenn sich die Arbeit dem Ende zuneigte, wurde der tahuna bezahlt. Und wenn das tapu aufgehoben wurde, verbrannte man das Tätowierhaus. Allen Beteiligten war nun wieder das Baden erlaubt und sie wanderten ans Meer und dann an einen Fluss. War dies vollbracht, bedeckten sie sich mit einer duftenden Salbe, die ihre Haut gelb färbte, so dass ihre Tätowierungen erstrahlten. Zwischenzeitlich hatten Verwandte Schmuck hergestellt wie Kronen aus Schildkrötenpanzern, Gürtel aus tapa, Kopfschmuck aus Federn, Ohrringe und andere Schmuckstücke für die Feierlichkeiten zur Ehrung des frisch Tätowierten. In einem sehr alten Bericht heißt es, dass dafür auch Menschenopfer dargebracht und aufgegessen wurden. Wahrscheinlich wurden die Knochen dann zu neuen Tätowierwerkzeugen verarbeitet.





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