Die Macht der Tempel Tattoos
Geposted von Travelingmic, am 9 März 2010Plötzlich fängt ein kräftiger, vollständig tätowierter Mann an zu knurren und zu röcheln; mit einem Satz ist er auf den Beinen. Mit bizarr abgewinkelten Armen springt er umher, ohne seine Umgebung wahrzunehmen. Mit verzerrtem Gesicht bahnt er sich einen Weg durch die Menge, bis ihn seine Freunde aufhalten. Sie können den wild um sich schlagenden Mann kaum bändigen.
„Hanuman, der affengesichtige Gott hat von ihm Besitz ergriffen“, erklären sie mir. Es war sein Abbild, welches er vergangene Nacht in die Haut gestochen bekam.
Andere – frisch verziert mit dem Tiger, dem Symbol des Tempels – robben durch den Schlamm, besessen vom Geist der Raubkatze, die sich an das nichts ahnende Opfer anschleicht, und es schließlich erlegt.
Mancher humpelt, wie vom Alter gebeugt, über den Platz und zeigt so seine Verbindung mit Lisu, dem legendären Begründer des Wat. Einer spreizt die Arme zu imaginären Schwingen und versucht wie Garuda, der Vogelgott, mit den Flügeln schlagend den Altar zu erreichen.
Viele Dutzend Male wiederholen sich diese Szenen; auf den fremden Betrachter wirkt es vielleicht komisch, doch niemand lacht.
Selbst Jungen im Alter von höchstens zwölf Jahren werden mitgerissen von einer Art Massenhysterie. Doch immer nach wenigen Sekunden stürzen sich muskelbepackte Kerle auf die Tobenden, bevor sie sich verletzen können, heben sie vom Boden, während einer ihnen kräftig ins Gesicht bläst: Augenblicklich ist der Bann gebrochen, entspannt sinkt der Erschöpfte mit gelöstem Gesichtsausdruck nieder und kehrt kurz darauf – als wäre nichts geschehen – auf seinen Platz in der Menge zurück.
Erst als er den Altar betritt und die Menge mit heiligem Wasser segnet, kehrt Ruhe ein für einige Minuten der Einkehr und Meditation. Doch dann wieder Chaos, Geschiebe und Schreie, den ganzen Morgen lang.
Es ist faszinierend und unheimlich zugleich, die Kraft der heiligen Tattoos von Thailand so hautnah mitzuerleben. Noch mehrere weitere Male war ich dabei, doch nie war es ein solch einschneidendes Erlebnis wie bei meinem ersten Besuch. Heutzutage ist das Festival noch bedeutend größer geworden, und wird bereits von Touristenbussen angefahren. So ändern sich die Zeiten...


Dirk-Boris Rödel
Heiko Krämer
Jan Burger


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