DMAX Home
Benutzer-Information

Sie sind nicht eingeloggt

Anzeige

Die Macht der Tempel Tattoos

Geposted von Travelingmic, am 9 März 2010
Thai-in-Trance_252 Es herrscht atemlose Stille im Hof des Tattoo Tempels Wat Bang Phra in Thailand. Alle warten gespannt auf den Auftritt des alten Abtes. Viele der Anwesenden meditieren, schwingen Gebetsformeln murmelnd hin und her; versetzen sich so in einen Trancezustand.
Plötzlich fängt ein kräftiger, vollständig tätowierter Mann an zu knurren und zu röcheln; mit einem Satz ist er auf den Beinen. Mit bizarr abgewinkelten Armen springt er umher, ohne seine Umgebung wahrzunehmen. Mit verzerrtem Gesicht bahnt er sich einen Weg durch die Menge, bis ihn seine Freunde aufhalten. Sie können den wild um sich schlagenden Mann kaum bändigen.
„Hanuman, der affengesichtige Gott hat von ihm Besitz ergriffen“, erklären sie mir. Es war sein Abbild, welches er vergangene Nacht in die Haut gestochen bekam.
Andere – frisch verziert mit dem Tiger, dem Symbol des Tempels – robben durch den Schlamm, besessen vom Geist der Raubkatze, die sich an das nichts ahnende Opfer anschleicht, und es schließlich erlegt. Hanuman-in-Trance_252
Mancher humpelt, wie vom Alter gebeugt, über den Platz und zeigt so seine Verbindung mit Lisu, dem legendären Begründer des Wat. Einer spreizt die Arme zu imaginären Schwingen und versucht wie Garuda, der Vogelgott, mit den Flügeln schlagend den Altar zu erreichen.
Viele Dutzend Male wiederholen sich diese Szenen; auf den fremden Betrachter wirkt es vielleicht komisch, doch niemand lacht.
Selbst Jungen im Alter von höchstens zwölf Jahren werden mitgerissen von einer Art Massenhysterie. Doch immer nach wenigen Sekunden stürzen sich muskelbepackte Kerle auf die Tobenden, bevor sie sich verletzen können, heben sie vom Boden, während einer ihnen kräftig ins Gesicht bläst: Augenblicklich ist der Bann gebrochen, entspannt sinkt der Erschöpfte mit gelöstem Gesichtsausdruck nieder und kehrt kurz darauf – als wäre nichts geschehen – auf seinen Platz in der Menge zurück.
Thai-in-Trance-2_252 Als Luang Phor Puen zum Altar geführt wird, bricht kurzfristig ein totales Chaos aus. Jeder versucht einen Blick auf den alten Mann zu erhaschen oder gar von ihm berührt zu werden.
Erst als er den Altar betritt und die Menge mit heiligem Wasser segnet, kehrt Ruhe ein für einige Minuten der Einkehr und Meditation. Doch dann wieder Chaos, Geschiebe und Schreie, den ganzen Morgen lang.
Es ist faszinierend und unheimlich zugleich, die Kraft der heiligen Tattoos von Thailand so hautnah mitzuerleben. Noch mehrere weitere Male war ich dabei, doch nie war es ein solch einschneidendes Erlebnis wie bei meinem ersten Besuch. Heutzutage ist das Festival noch bedeutend größer geworden, und wird bereits von Touristenbussen angefahren. So ändern sich die Zeiten...

Crests der Tlingit und Haida: At.óow - Teil II

Geposted von Lars Krutak, am 5 März 2010
Larskrutak_2_126 Der Begriff at.óow beschreibt bei den Tlingit die komplexen Zusammenhänge, wie ein Clan zu einem Crest kam. Diese spezielle Form des Eigentums bezog sich nicht nur auf materielle Dinge, sondern auch auf die Identität einer Linie oder einer Sippe und ihrer Mitglieder. At.óow bedeutet wörtlich übersetzt “Ding, das sich im Besitz befindet oder erworben wurde” und bezieht sich sowohl auf materielle als auch auf immaterielle Besitztümer, die in den Crest-Objekten enthalten sind – beispielsweise Namen, Geschichten, Lieder, Geister oder auch geografische Orte. Der Chookaneidi-Stamm aus Hoonah, Alaska] hat beispielsweise einen Gletscher als Crest. Er symbolisiert Glacier Bay, den Gletscher selbst, das Bildnis der “Frau im Eis” (ihre Vorfahrin, die im Gletscher eingeschlossen wurde und ihn mit ihrem Leben “erwarb”), die Geschichte und die Lieder, die den Ursprung des Crests erklären und die Ahnin und ihren Geist selbst als at.óow.

Das Recht auf den Crest war jedoch nicht unbedingt ein exklusives Recht. Die Ansprüche wurden sich unter den verschiedenen Clans oft streitig gemacht. Es kam durchaus vor, dass die Tlingit und Haida die Rechte daraufhin neu bewerteten. Da ein Crest allerdings sehr eng mit der Identität einer Gruppe verbunden war und die Rechte auf einen Crest von den Mitgliedern anderer Gruppen bewertet wurden, kam es nicht selten sogar zu kriegerischen Auseinandersetzung bei Crest-Streitigkeiten. Schließlich versuchte dabei ein Clan dem anderen den Rang abzulaufen und die Macht über das Familienwappen zu erlangen. Für die Aneignung eines Crests musste manchmal bezahlt werden, sonst galt sie als vorsätzliche Demütigung eines rivalisierenden Clans. Denn die Objekte waren Gruppeneigentum; sie konnten nicht übertragen, abgetreten oder entfremdet werden, wenn nicht alle Gruppenmitglieder einverstanden waren. Diese Regel galt auch für Tattoos. 

Manche Gruppen besaßen die Rechte an mehreren Crests. Reichtum spielte eine wichtige Rolle bei der Anzahl der Crests, die eine Linie oder eine Sippe besitzen durfte. Denn “manche Familien waren zu arm für ein Emblem, von den Großen wurde allerdings berichtet… dass sie so reich waren, dass sie alles verwenden konnten.”

Die soziale Funktion der Crests ist bei den Tlingit und Haida untrennbar mit ihrer Rolle als Heiligtümer verbunden. Wie ich in Teil I dieses Blogs bereits schrieb, symbolisieren die Crests den Geist des dargestellten Wesens, und sie verkörpern den Geist, der in ihnen ruht. Crests symbolisieren außerdem die Verwandschaftsverhältnisse und die spirituelle Verbindung des Gruppenmitglieds zu seiner Umwelt (und den Tieren/Geistern, die dort leben). Sie verbinden die Tlingit und Haida mit ihren Vorfahren, die oft im Krieg mit ihrem Leben für dieses Recht bezahlt haben und dafür, dass Generation um Generation an dem Symbol festhält.

Tattoo Marathon im Tigertempel

Geposted von Travelingmic, am 2 März 2010
Reushi-Tattoo_252 Eingefangen von der feierlichen nächtlichen Atmosphäre eines heiligen Ortes begeben wir uns über den Hof des  TigerTempels zu den Quartieren der tätowierenden Mönche. Hier an dieser Stelle soll Lisu, der legendäre Eremit vor langer Zeit Wat Bang Phrae gegründet haben, um Mönche in der Kunst der Tätowierung zu unterrichten.
In den niedrigen schwülheissen Gängen der Nebengebäude bietet sich uns eine magische Szenerie:
Luang Phi Ting, ein Schüler des alten Abtes tätowiert bereits seit fast 24 Stunden ohne längere Unterbrechung. Er und mehrere andere Schüler von Luang Phor Puen, die sonst in Tempeln im ganzen Land verteilt arbeiten und beten, gönnen sich höchstens mal ein Päuschen für eine Zigarette oder um dem Ruf der Natur zu folgen. Doch der Bandwurm der Gläubigen, die mit asiatischer Geduld anstehen, reißt nie ab. Ohne Unterlass in schnellem Rhythmus stößt die Nadel auf die Pilger nieder. Maximal 20 Minuten pro Person – in dieser Zeit entsteht ein kompletter Tiger auf der Brust – dann ist auch schon der Nächste dran. Luang Phi Ting pustet noch kräftig auf die frische Tätowierung, spricht ein kurzes Gebet und entlässt den jungen Mann mit einem Klaps auf die Schulter. Gehilfen haben dem nächsten Kandidaten bereits den Holzstempel mit dem Tattoo Design eines des Affengottes Hanuman aufgedrückt. Und weiter geht es...
Ich frage mich, warum die traditionellen Tätowierungen in Thailand scheinbar immer populärer werden. Hanuman-Tattoo_252 Kann es sein, daß die Menschen hier, deren Leben viele Hunderte von Jahren kaum Veränderung erfuhr und nun plötzlich Zeuge von überwältigend raschem Wandel werden, etwas suchen, an dem sie sich festhalten können? Dass sie etwas brauchen, das sich nicht ändert: Überlieferte Traditionen, mythischer Glaube und heilige Symbole, die ihnen den Weg weisen in einer Gesellschaft, die plötzlich von fremden Werten, Technologien, Massenmedien und Werbung überrollt wird?   
Es müssen Hunderte, wenn nicht Tausende Tätowierungen sein, die die Mönche aus ganz Thailand an diesem Ort zu diesem besonderen Datum anfertigen. Es ist Wan Wai Khru, der „Tag, um den Meister zu ehren“. Einmal im Jahr, an einem Wochenende um den dritten Vollmond des Jahres, kommen alle Studenten des Wat Bang Phrae aus den entlegensten Teilen des Landes zusammen, um ihrem Meister Luang Phor Puen zu danken, gemeinsam mit ihm zu beten und seinen Segen zu empfangen.
Eine Tätowierung, die zu diesem Datum angefertigt wird, birgt für die Anhänger dieses Tempels eine ungeheure Kraft; zu überwältigend für manche, wie ich bald noch sehen sollte.
Red-Sakyan_252 Nach längerer Zeit reisse ich mich mal wieder von den spannenden Vorgängen im Innern des Tempels los und stolpere nach draußen. Der Morgen war bereits angebrochen.
Obwohl eigentlich Trockenzeit in Thailand herrscht, regnet es in Strömen.
Dennoch haben sich auf dem Vorplatz bereits mehrere Tausend Besucher versammelt; im Zentrum Dutzende von Mönchen auf Plastikstühlen. Ein mächtiger Schrein war aufgebaut worden, wo Abbilder von Lisu, von Hanuman und Ganesha stehen, sowie Opfergaben dargebracht werden können. Der Höhepunkt des Tattoofests steht unmittelbar bevor!

MEHR DMAX-LIFESTYLE...

Unsere Blogger (Stichwort)

  • Unsere Blogger
    Travelingmic
    39,5 Jahre - Tattoo Journalist - Fotograf ... Travelingmic hat sich in den letzten 10 Jahren zu DEM Reisenden in Sachen Tattoo entwickelt.
    Lars Krutak
    Promovierter Tattoo-Anthropologe, Weltreisender und Host der DMAX-Serie Global Ink. Er weiss alles über traditionelle Stammestattoos.
    Andy Engel
    Spezialist für Portraits, Realistik, Japan-Style und Cover Ups. Mit seinem Tattoo-Studio in Kitzingen ist er unser Mann für die Praxis.
    Dirk-Boris Rödel
    Der studierte Japanologe und Kulturwissenschaftler ist u.a. Chefredakteur von TätowierMagazin, TattooStyle und Tattoo Erotica.
    Heiko Krämer
    Er hatte nicht nur ein eigenes Shirtlabel und ist begeisterter Gamer, er ist auch DER Spezialist für Tattoo-Conventions.
    Jan Burger
    Fan von japanischen Tattoos und jüngster Redakteur des TätowierMagazins. Mit 18 hatte er sein erstes Tatoo.

MPU Advert

Videos

Mehr Videos
Copyright © 2010 Discovery Communications, LLC