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Tattoos der subsaharischen Länder Afrikas: Teil 5

Geposted von Lars Krutak, am 30 August 2010
Blog_5A_126 In ganz Afrika diente der Körperkult als Zeichen, mit dessen Hilfe sich die Menschen gegenseitig einschätzen konnten, vor allem wenn die Narben oder Tätowierungen für alle sichtbar im Gesicht getragen wurden. In den 1940er Jahren wurden Männer der Nhúngüé in Mosambik zu ihren auffälligen Gesichtsverzierungen befragt und warum sie genau diese Stelle gewählt hatten. Sie sagten, dass es sich um eine alte Tradition handelte. Nach kriegerischen Auseinandersetzungen konnten sie dadurch eindeutig die Leichen ihrer eigenen Stammesbrüder erkennen – und ihren Feinden die Kehle durchschneiden.

Manche Körperverzierungen der Nhúngüé und ihrer Nachbarn, der Chicunda ähnelten Geschwülsten, doch der berühmte portugiesische Anthropologe J.R. Dos Santos bevorzugte den Begriff “Relief-Tattoos”, denn die Schnittwunden waren mit einem Farbstoff aus Kohle eingefärbt. Jeder Mann oder jede Frau konnte die Körperverzierungen vornehmen, wenngleich es aber besondere Experten gab, die für ihr Talent geschätzt wurden. Sie hießen bei den Nhúngüé nhabézis oder ‘Doktoren’.

Als Werkzeuge wurden spezielle Lanzetten benutzt, die der Dorfschmied anfertigte. Doch mit zunehmendem Kontakt zur Außenwelt ersetzten Rasierklingen bald die traditionellen Werkzeuge.
Die Frauen der Nhúngüé und Chicunda waren überall am Körper stark tätowiert. Neben den gebräuchlichen Motiven sah Dos Santos einst zwei Buchstaben, die zwei Herzen auf den Brüsten einer Nhúngüé-Frau zierten. Diese Buchstaben waren die Initialen eines weißen Mannes, der mit der Frau zusammengelebt hatte. Blog_5B_126
Morphologisch bestanden die traditionellen Zeichnungen aus geradlinigen Schnitten oder mehr oder weniger punktierten Einstichen, die frei an Oberkörper oder Schenkeln in Kreuzform, als Raute oder kreisförmige oder geradlinige Muster verteilt wurden. “Interessante” Astformen oder Fischgräten-Motive zierten ihre Wangen.
Für diese Frauen-Motive ist keine spezielle Bedeutung überliefert, dennoch galten Tätowierungen an den Innenseiten der Oberschenkel als erotisch und stimulierend.

Heidi Gengenbach studierte die Relief-Tattoos mosambikanischer Frauen aus der südlichen Provinz Maputo. Sie beschrieb ebenfalls erotische Tattoos und dass nicht tätowierte Mädchen als “glitschig” wie ein Fisch galten und die Männer sie nur schwer “anfassen” konnten. In ihrem detailierten Bericht, der auch Bilder und Informationen zur Tätowierpraxis (tinhlanga) verschiedener Shangaan sprechender Stämme enthalten, verwebt Gengenbach kunstvoll die Erzählungen der Stammesmenschen zu einer Prosa, die unsere bisherigen Annahmen über den afrikanischen Körperkult in Frage stellen.

Sie schreibt:

Viele der befragten Frauen vertrauten mir lachend an, dass die Tätowierungen “den Ehemann glücklich machen”, denn wenn ein Mann den tätowierten Körper einer Frau berührt und streichelt, dann “erwacht” sofort sein Penis. Gleichzeitig betonten sie, dass das gesteigerte sexuelle Interesse der Männer eindeutig mit ihrer eigenen sexuellen Befriedigung einhergeht: tinhlanga veranlasste die Männer nicht nur, die Frauen intensiver zu streicheln, die Tätowierungen sind gleichzeitig die Garantie dafür, dass er wieder “erwacht” (wenn sein Penis zum Beispiel an ihrer vernarbten Haut ruht) und somit auch noch eine zweite oder dritte Runde im Ehebett drin war. Viele Frauen erhielten ihre ersten Tattoos lange bevor sie in die Pubertät kamen und sammelten auch im Erwachsenenalter weiter Verzierungen. Sogar dann, wenn sie nach einer gescheiterten Ehe zu der Überzeugung gelangt waren, dass sie “keine Männer mehr wollten”. Das Bestreben, für Männer attraktiv zu sein, spielte sicher eine wichtige Rolle und manche Frauen erweiterten ihre thinhlanga auch noch als sie bereits verwitwet oder geschieden waren. Ein Beweggrund dafür war sicherlich, dass sie einen neuen Mann finden wollten, doch die Frauen beschrieben ihre Motivation für die Relief-Tattoos niemals vor dem einzigen (oder vorrangigen) Hintergrund, die sexuellen Ansprüche der Männer zu erfüllen…

…[Stattdessen] wurde aus ihren Erzählungen deutlich, dass dieses schmerzhafte Schönheitsideal eher auf die weiblichen als auf die männlichen Betrachter ausgerichtet war.

Ich werde auf ihre Beweggründe noch genauer eingehen, doch zuerst möchte ich kurz schildern, wie in Maputo tätowiert wurde. Die ältesten Menschen, die Gengenbach befragt hatte, hatten ihre Tattoos Anfang des 20. Jahrhunderts erhalten. Es waren geschwulstartige Tätowierungen, die von Frauen gestochen wurden. Dazu hoben sie die Haut ihrer Kunden mit einem Angelhaken, einem Dorn, einer Sicherheitsnadel oder den Fingern an und ritzten die Haut an der Oberfläche ein, mit einem oder mehreren Schnitten mit einer Rasierklinge oder einer Glasscherbe. (Ich wurde auf ähnliche Weise von einem Hamar in Äthiopien tätowiert und ich kann euch aus eigener Erfahrung versichern, dass die Schmerzen fast unerträglich sind!)
Dann rieben die Tätowierer aus Maputo eine Mischung aus zerriebener Holzkohle und Rizinusöl oder rotem Ocker in die Wunden, um sie dunkler zu färben.
Ich habe mir auch ein Narbentattoo bei den Makonde im Norden Mosambiks machen lassen und sie benutzten ebenfalls eine Tinktur aus Ruß, Rizinussamen und Wasser. Rizinusöl wird außerdem über die gesamte Wunde gestrichen, damit sie besser heilt.  
Zwischen 1920 und 1940 verdrängten Nadeln aus Stahl geschwind die traditionellen Tätowierinstrumente der Magude und das Tätowieren an sich wurde weniger schmerzvoll. Allerdings waren die Tätowierungen nun auch flacher und weniger fühlbar, deshalb ging die sexuelle Bedeutung der Körperverzierungen ebenfalls verloren.
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Doch die erotische Komponente war nicht die einzige, die unter der neuen revolutionären Tätowiertechnik zu leiden hatte.
Gengenbach meint, dass die zentrale Aufgabe der Frauen-Tattoos nicht die Erotik war; vielmehr stärkten sie das Selbstbewusstsein der Frauen. Viele ältere Frauen erzählten ihr, wie sie “abgestochen” oder “zerhackt” wurden, ihr Blut in Strömen floss, wie sie dachten, man würde ihnen die Gedärme herausreißen usw. Sie sagt: “Mädchen, die diese Tortur stoisch über sich ergehen ließen, galten als ‘stark‘ oder ‘beständig’ (kutiya) und ‘mutig’ (kutimisa); Frauen, die sich mehrfach tätowieren ließen trugen den ständigen Beweis auf der Haut, das sie ‘furchtlos’ (kuchava) waren, denn schließlich hatten sie viel Blut vergossen.
Gengenbach weiter:
[Blut ist] eine Metapher sowohl für die tief verwurzelten Pflichten der Familie gegenüber als auch für die Anstrengungen, die mit der Erfüllung der persönlichen Lebensziele verbunden sind (“Kein Tattoo ohne Blut” – für alles, was man erreicht, muss man Opfer bringen); Blut ist eine positive Kraft, es garantiert persönliches Wohlergehen, heilt Krankheiten, schützt vor Unglück oder davor dass Geister von einer Person Besitz ergreifen, wenn es in Form eines Tieropfers dargebracht wird oder während eines Heilrituals getrunken wird. Gleichzeitig ist das Blut die heimtückischste Körperflüssigkeit: Blutverlust schmälert die körperliche und moralische Stärke (einem korrupten oder feigen Menschen wird nachgesagt, er habe “weiches Blut”); Blut, das zu Boden tropft, muss augenblicklich mit Sand bedeckt werden, sonst könnten es “Zauberer” für tödliche “Flüche” (“tingati” genannt, der Pluralform von “Blut”) nutzen; und Nahrungsmittel wie Milch oder Bier können lebensgefährlich werden, wenn sie durch Magie in Blut verwandelt werden. [Somit] bedeutet tätowiert zu werden, dass man sein eigenes Blut frei zu Boden fließen lässt und dadurch angreifbar wird für übernatürliche, gesundheitschädliche oder innergemeinschaftliche Bedrohungen jeder Art. Dennoch wird man für das Blut, das für tinhlanga vergossen wird, reichlich entlohnt: neue Verwandschaftsbeziehungen entstehen (eine Art von “Blutsschwestern”); man beweist Mut und Tapferkeit; und ironischerweise eine Art von doppelt geschlechtsübergreifendem Prestige, denn wenn das Tätowieren Mädchen zu Frauen macht, so ist dies teilweise eine Nachahmung der Heldentaten der Männer auf dem Schlachtfeld.




Tattoos der subsaharischen Länder Afrikas: Teil 4

Geposted von Lars Krutak, am 23 August 2010
Blog_4A_252 Die Fang sind ein Dschungelvolk, das in einem rund 300.000 Quadratkilometer großen Areal auf den heutigen Staatsgebieten von Kamerun, Gabun, dem Kongo und Äquatorialguinea lebt. Wissenschaftler glauben, dass die Fang im 18. Jahrhundert durch die moslemischen Fulbe (Fulani) und durch sudanesische Stämme aus Kamerun aus ihrem ursprünglichen Lebensraum weiter nach Süden, in ihr heutiges Siedlungsgebiet gedrängt wurden.
In den 1950er Jahren begann der bedeutende katalanische Primatologe und Ethologe Jordi Sabater Pi (1922-2009) mit der Dokumentation der Tätowierungen der Fang, aus der später das wunderschön illustrierte Werk Els Tatuatges dels Fang de l’Àfrica Occidental hervorging, das 1992 auf Englisch und Katalan erschien.

Zu Beginn der 1950er Jahre war die Tätowierpraxis bei den Fang bereits rückläufig und Sabater zeichnete viele alte Muster auf, die nur noch auf den Gesichtern und Körpern sehr alter Menschen zu finden waren. Seine Sammlung der Körperkunst ist beispiellos, denn er lernte die letzte Generation noch kennen, die heute längst nicht mehr am Leben ist.

Sabater schrieb, dass die Fang, die wahrscheinlich aus den ausgedehnten Savannen des Nordens stammten, die dichten Wälder Äquatorialguineas als geheimnisvollen Ort ansahen, “voller Gefahren und als vorübergehendes Domizil guter und böser Geister der Vorfahren, die in bestimmten Bäumen und Tieren wiedergeboren wurden.” Doch der Dschungel war nicht nur gefährlich, er war gleichzeitig die Inspirationsquelle für die kunstvollen Tätowierungen der Fang.

Sabater interviewte und zeichnete Hunderte tätowierter alter Fang in den 1950er Jahren, doch schon damals konnten sich viele der Befragten nicht mehr an die genaue Bedeutung ihrer Zeichnungen erinnern. Sie galten schlicht als “Tradition” oder Nachahmung verschiedener Tiere, die im Dschungel lebten. Sabater vermutete, dass die Tätowierungen der Fang ursprünglich erschaffen worden waren “als Antwort auf das Bedürfnis nach Identifikation oder als Totemtiere zum persönlichen Schutz.”

Die Fang kannten zwei verschiedene Tätowierungen: Relieftattoos (mamvam), eine Form der farbigen Skarifikation, und flache Tattoos (mevale), die mit einer Art Kamm in die Haut gestochen wurden. Die erstgenannte Form der Körperverzierung war bereits ziemlich selten unter den Stammesmitgliedern, als Sabater mit seiner Forschung begann. Es gelang ihm jedoch, alte Reliquienskulpturen aus dem 19. Jahrhundert zu studieren, die auf Brust und Bauch mit besonderen Tätowierungen für den Ahnenkult verziert waren. Diese bildhauerischen Kunstwerke dienten als Beschützer für die Körbe mit den Knochen und Schädeln verehrter Vorfahren und zählten immer schon zu den meistbewunderten Formen Afrikanischer Kunst.
Einige der Menschen, die Sabater befragt hatte, erinnerten sich an die Praxis von mamvam und mevale:
Mit [einem] kleinen Messer in Form eines winzigen ndong-Angelhakens straffte der Tätowierer die Haut des Betreffenden und führte mit dem okengeng oder Tätowiermesser seine Schnitte aus; anschließend rieb der Künstler schmerzhafte ondondó-Flüssigkeit in die Wunden, um den Heilungsprozess zu verlangsamen bis ein hervorstehendes Relieftattoo entstanden war.
Der Legende nach lehrte ein Schmied vom Essakunan-Clan die Technik der flachen oder Einstich-Tattoos den Mobum [Stammesgruppe der Fang], und später lernten sie auch die Ntum, die Okak und die Fang-Fang [alles Stammesgruppen der Fang im Süden].
Die Ntum kannten die flachen punktuellen Tätowierungen als mevale; der Tätowierer (nkeelekut) bedeckte das Gesicht oder den Körper des [Kunden] mit Porzellanerde oder Asche, die nkana genannt wurde. Direkt im Anschluss zog er die Kontur des künftigen Tattoos indem er die Haut mit verschiedenen Bambuszinken durchstach, die zu einem Kamm gebunden waren und in schwarzen Ruß (nviri-otu) getaucht wurden. War dies geschehen, bedeckte er die blutenden Wunden mit einer ersten Schicht des verbleibenden nviri-otu.
Der deutsche Ethnologe Günther Tessman beobachtete verschiedene Tätowiersitzungen während seiner frühen Expeditionen zu den Fang (1907-1909) und fotografierte dabei. Er sagte, dass bestimmte Clans auf die Tätowierkunst spezialisiert waren und „nur einer unter Hundert Männern“ genügend Talent dafür besaß. Viele dieser Männer blieben als Meister ihrer Kunst noch Jahrzehnte nach ihrem Tod im Gedächtnis der Menschen.

Er schrieb weiterhin, dass die Tätowierungen mit dem Messer ohne große Zeremonie im Versammlungshaus des Dorfes ausgeführt wurden und der Patient dabei saß oder eine liegende Position einnahm. Die Tinte (otu) wurde aus verbranntem Holz gewonnen. Dazu wurden Scherben von Töpfen über dem rauchenden Feuer platziert. Der Künstler zeichnete eine Vorlage auf die Körperregion, die tätowiert werden sollte, mit einem nassen, gebogenen Grashalm, dem Stiel eines Blattes vom Schirmbaum (musanga) oder indem er seinen Finger in Ruß tauchte und das gewünschte Motive sorgfältig skizzierte. Blog_4B_252

Vor der Morgendämmerung setzte der Tätowierer kurze, schmale und schräg verlaufende Schnitte mit dem endolo, wie Tessman es nannte – einem schaftlosen Messer aus Eisen. Der Tätowierer wischte das Blut weg und rieb noch mehr otu-Tinte mit seinem Daumen oder Zeigefinger ein. Manchmal wurde auch ein Pulver aus den Samen des Xylopia aethiopica energisch in die Wunden gerieben. Dieser immergrüne tropische Baum trägt scharfe, aromatische Samen, die auch heute noch als Gewürz oder traditionelles Heilmittel in Westafrika verwendet werden.
Wenn die Schnitte vollendet waren, wurden Blut und überschüssiger Ruß vom Körper abgewaschen. Dann wurde eine weitere Schicht Tinte in die gesäuberten Wunden gerieben, um eine intensivere Farbe zu erhalten.
Tessman notierte und illustrierte eine Vielzahl von Tattoo-Motiven der Fang und alle entstammten ihrer unmittelbaren Umgebung. Zu den einfachen Motiven zählten Rauten, Rhomben, parallele Linien, Palmfächer, Stöcke, Vogelfallen, Vogelschwänze und Vogelarten wie die Drongos oder der Nashornvogel (Schnabel) oder Schmetterlinge wie der Schwalbenschwanz; Deckenbalken aus Holz, Fische oder Fischflossen/-stachel, Pfeile und Pfeilspitzen, Motive aus der Korbflechterei, der Vollmond, Wasserstrudel, Speerspitzen, Skorpione, Affen, “Tränen”, Spinnen, Froschbeine, Rasseln, Messer, das Chamäleon und Pfeifen.
Laut Sabater war diese Art der Tätowierung für Jungen und Mädchen im Alter von fünf bis zehn Jahren bestimmt. Familienangehörige brachten ihre Kinder zum Dorftätowierer und wünschten oft bestimmte Motive (Halbmonde, Kreise, die Flecken oder Schnurrhaare des Leoparden usw.) weil diese mit schützender Magie oder dem Zusammenhalt des Clans assoziiert wurden. 
Ein weiterer Autor, der Missionar Henri Trilles bereiste den Lebensraum der Fang zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Er interessierte sich sehr für die Tätowierungen dieses Volkes und zeichnete faszinierende Informationen über deren spirituelle und medizinische Bedeutung auf:
Blog_4C_252 Therapeutische Tattoos zur Linderung von Beschwerden bestanden aus kleinen geraden Schnitten an den Schläfen oder an den Armen der Kinder. Diese Wunden wurden mit feinem Pulver aus rotem pal-Holz gefüllt.
Tätowierungen mit Totemtieren oder Clan-Symbolen (nsam; nsilé) symbolisieren das Schutztier. So tragen die Mitglieder des Amyom-Clans eine stilisierte Python (myom) auf den Wangen, die Angehörigen des Iemvi-Clans hingegen verwenden eine Blume (mvi) in Form von zwei konzentrischen Kreisen mit einem Punkt in der Mitte. Durch diese Muster wurden nicht nur die Angehörigen des Clans identifiziert, es verband sie auch mit dem Schutztier [oder der Pflanze] der Gruppe.
Die Fang hatten außerdem verschiedene Geheimbünde wie die Antilope (so), den Gorilla (ngui) und den Elefanten (zok). Spezielle Tätowierungen im Nacken (bau) zeigten die Mitgliedschaft einer Person in der entsprechenden Organisation an.
Alte Menschen der Ntum Fang, die Sabater interviewte, berichteten dass die kleinen Kinder in ferner Vergangenheit bestimmte Tätowierungen erhielten, um sie vor der Gefangennahme durch die Pygmäen (bokui) zu schützen, die ursprünglich im Dschungel am Äquator lebten. Genauer gesagt wollten die Fang anhand dieser Zeichen entführte Jungen und Mädchen erkennen, wenn sie ihre Befreiungsaktionen starteten.



Tattoos der subsaharischen Länder Afrikas: Teil 3

Geposted von Lars Krutak, am 10 August 2010

Larskrutak_126 Das Volk der Bini oder Edo gründete das Königreich Benin im Südwesten des heutigen Nigeria. Die erste Dynastie wurde von den Ogisos (“Könige des Himmels”) bestimmt, die ihr Land Igodomigodo nannten.

Noch vor einem Jahrhundert war den männlichen Edo-Bürgern nur ihr Recht auf Mitgliedschaft in der Palastgesellschaft garantiert, wenn sie tätowiert waren. Ein Mensch ohne Tätowierung galt bei den Edo sogar als “fremd” und “ordinär”, denn ein nicht gezeichneter Körper galt offenbar als befleckt mit symbolisch verklumptem Blut, das nur durch das Tätowierungsritual zum Fließen gebracht werden konnte.

Deshalb durfte außer den tätowierten Edo, Europäern und Menschen aus Ufe (von dort stammte die Königsfamilie ursprünglich) niemand den Palast betreten. Nicht vorhandene Tätowierungen (iwu) waren eine ernste Behinderung und galten als ebenso “abscheulich” wie die fehlende Beschneidung und Klitoridektomie, die Entfernung der Klitoris der Frauen. Blog_3A_126

Bei den Edo durfte jede talentierte Person – Männer und Frauen – tätowieren. Meist wurde dazu ein osiwu (“der oder die Tattoos formt”) beauftragt. Dieser Beruf wurde vererbt und manche Tätowierer waren gleichzeitig auf Autopsien und Beschneidungen spezialisiert. Wie in anderen Gebieten Afrikas wurden lange, feine Tattoos mit einem Skalpel (abee) in die Haut geritzt oder mit einem messerähnlichen Werkzeug. Die Farbstoffe wurden aus verkohlten asun-Blättern (Randia coriacea) gewonnen, die eine dunkelblaue bis schwarze Färbung hinterließen. Während des Heilungsprozesses wurden die Wunden mit Palmöl, Ruß und den verkohlten elu-Wurzeln (Indigopflanze) behandelt um Wulstnarben zu verhindern, denn diese galten nicht als attraktiv.

Es heißt, dass früher kein Edo-Mann eine Frau ohne Tattoos geheiratet hätte. Dieser Brauch wird auch heute noch von einer kleinen Gruppe von Männern und Frauen am Leben erhalten, die noch heute die Zeichnungen ihrer Vorfahren tragen. Eine Edo-Frau berichtete beispielsweise dass sie im Alter von 13 Jahren ihre Tätowierungen erhielt, sobald ihre Monatsblutungen eingesetzt hatten. Fünf Jahre später wurde ihr Oberkörper in Vorbereitung für die Heirat tätowiert. Ihre Eltern arrangierten den “Eingriff” und ihr Bräutigam richtete ein “Narben-Festmahl” zur Feier dieses Ereignisses aus. Jahre später ließ sie die Tätowierungen auffrischen, da sie verblassten.

Blog_3B_252 Die Tätowierungen der Frauen ähnelten Klingen und wurden in verschiedenen Formen auf dem Körper angeordnet. Frauen, die ihre Zeichnungen auf königliche Anweisung erhielten, besaßen sieben dieser “Klingen” als Zeichen, dass sie für den Harem des Königs bestimmt waren. Die Frauen konnten die Anzahl der senkrechten Stirn-Tattoos selbst wählen, die auch ihre Wangen und ihr Kinn zierten.
Die Praxis des Tätowierens soll im 16. Jahrhundert entstanden sein. Damals heiratete der König die Tochter eines benachbarten Yoruba-Herrschers. Die Frau weigerte sich jedoch die Ehe zu vollziehen, da der Edo-König keine Stammeszeichen trug. Der wütende Herrscher vergewaltigte die Frau und dies kam ihrem Vater zu Ohren. Kurz darauf besuchten der König und seine Frau die Schwiegereltern in ihrem Palast. Der Vater der Frau attackierte den gewalttätigen König sofort mit einem Buschmesser und der König trug seitdem für alle sichtbar die Narben seines Übergriffs am Körper. Um den König nicht in Verlegenheit zu bringen, imitierten die Edo-Untertanen die Narben daraufhin mit Tinte auf ihrem Körper.

Bei den Yoruba gibt es viele verschiedene Formen der Körperverzierung und der Narbenzeichnungen. Kolo sind farbige Wundmale, die sich wie Wulstnarben anfühlen. Wie der Kunsthistoriker Henry Drewal berichtete – er lebte in den 1970er Jahren bei dem Stamm ¬– dienten die permanenten Zeichnungen verschiedenen Zwecken, unter anderem der Verschönerung und als Zeichen des Mutes der Personen, die sie trugen.
Vor allem Frauen erhielten sie und die Yoruba erwähnten oft dass die kolo eine “Prüfung” für die Mutigen war, die lobgepriesen wurden wenn ihre schmerzhaften Wunden verheilt waren. Die Frauen erhielten die Muster meist vor der Hochzeit, sie sollten sie auf die Geburt ihrer Kinder vorbereiten. Die Tätowierungen wurden nicht alle auf einmal gestochen sondern schrittweise erweitert, schließlich war der ästhetische Aspekt untrennbar mit dem Wert der Tätowierungen verbunden.
Obwohl das Aussehen eine wesentliche Rolle in der Yoruba-Gesellschaft spielte, war das Konzept der äußeren Schönheit nicht von der dazugehörigen inneren Dimension zu trennen. Drewal schrieb:

Das Aussehen kann das Innere eines Menschen, das spirituelle Selbst, entweder verdecken oder enthüllen. Das Yoruba-Gebet “mein inneres Antlitz soll das äußere nicht verderben” hält die Menschen dazu an, negative Absichten zu kontrollieren und zu verbergen, denn sie beeinflussen das Äußere und könnten die Feindschaft anderer hervorrufen. Umgekehrt sollten positive Eigenschaften wie Mut offen gezeigt werden, denn die Yoruba bemessen die Persönlichkeit eines Menschen sowohl nach seinem Aussehen als auch nach seinem Verhalten. Somit werden umfangreiche Körperzeichnungen als dauerhafter und gut sichtbarer Beweis für den Mut, die Tapferkeit und die Stärke eines Menschen angesehen – Eigenschaften, die denen des Schutzherren der Körperkünstler entsprechen, dem Gott des Eisens, Ogun

Aus diesen Gründen waren die Tattookünstler der Yoruba äußerst gefragt und hoch angesehen. Sie wurden oniisonon genannt, “begabte Designer” oder “die Kunst Schöpfenden”. Bekannte Tätowierer wurden für ihre Geschwindigkeit, Geschicklichkeit und ihre Technik gepriesen. Manche waren ziemlich berühmt und trugen einen Titel der sich mit “200 Gesichter kennen [sie]” übersetzen ließe.
Die angesehensten Künstler beherrschten ein ganzes Repertoire an Schnitten: von langen, kräftigen Blog_3C_252 Gesichtszeichnungen (ko ture) über breite Schlitze (kekei) bis zu bu abaja, kurzen, oberflächlichen und blassen Mustern und vieles mehr.

Die meisten Motive der Yoruba entstammten der Natur und zeigten Kaurimuscheln (esa), Eidechsen (alangba), Palmen (igi ope), Pfeile (ofa), den Vogel Strauß (ogongo), Geier (igun), Tauben (adaba), Chameleons (agemo), Tausendfüßler (okun), Schmetterlinge (labalaba), Maiskolben (agbado) und den “Mond der Ehre” (osu ola). Andere Motive entstammten der materiellen Welt und zeigten Tanzstöcke (ose) des Donnergottes Shango oder islamische Schreibübungsbretter (walaa), Armbänder (apa tira), die Krone des Königs (ade oba), Stöcke der Authoritätspersonen (opa oye), Spielbretter (opon ayo), Vermenschlichungen, die Y-förmige Klinge (abe) des Tätowierers oder sogar Scheren, Flugzeuge, Armbanduhren und in jüngster Zeit auch persönliche Namen. Manchmal wurden die einzelnen Motive zu symmetrischen Mustern verbunden, die einzelne Körperteile zierten und entsprechend benannt wurden (z.B. “Vagina-Muster” auf dem Oberschenkel einer Frau; “Brustfläche”; “Rückseite der Hand oder des Beins”, “Ehemann, der auf dem Schoß sitzt [Oberschenkel]” und “Bauchschnitzerei”) .

Andere Einschnitte dienten medizinischen Zwecken. Dann rieb der Künstler, Priester oder Dorfheiler statt Ruß oder Lampenschwarz verschiedene Kräuterheilmittel in die Wunden. Typischerweise korrespondierte die Körperstelle, an der diese Behandlungen ausgeführt wurden, mit der Krankheit. Beispielsweise sollten kurze senkrechte Zeichen zwischen den Augen Kinder vor dem Zittern schützen, ein Leiden, dass nach dem Glauben der Menschen von Geistern unter die Lebenden gebracht wurde. Kräutertätowierungen in der Nähe des Mundes sollten den Mut eines Jägers stärken und sein Erinnerungsvermögen verbessern. Medizin, die in Schnitte unterhalb der Lippen gerieben wurde, sollte hingegen Flüchen Kraft verleihen, die von der Person gegen andere ausgesprochen werden: “wenn man jemanden verfluchen will leckt man die Unterlippe und was auch immer man ausspricht wird geschehen.” 

Und schließlich wurden diese kraftvollen Substanzen auch dazu verwendet, bestimmte Götter oder ihre spirituellen Verwandten in den Körper der Person zu locken. Zu diesem Zweck erhielt der Verehrer kleine Schnitte oben auf dem Kopf und in diese wurden bestimmte Kräuter gerieben, um das Wesen der Gottheit zu “aktivieren”. Kleine Haarbüschel (osu) markierten diese magische Stelle.



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