Li in China 2
Geposted von: Travelingmic, am 10 Oktober 2009 Nach etlichen Stunden der vergeblichen Suche nach tätowierten Frauen der Li auf der chinesischen Insel Hainan hatte ich die rettende Idee und versprach dem Taxifahrer einen „Bonus“ für jede tätowierte Frau, die wir aufspüren sollten. Ein breites Grinsen erschien plötzlich auf seinem Gesicht und im nächsten Dorf führte eine längere angeregte Diskussion plötzlich zu einem Ergebnis: Eine einzige tätowierte Frau gab es anscheinend noch! Über schlammige Wege stolperten wir zur Hütte der munteren Greisin, und tatsächlich waren einige verbleichte Linien in ihrem zerfurchten Gesicht zu sehen. Sie freute sich sichtlich darüber, dass „Laowei“ („Fremde“) sich für ihre Tattoos interessierten und gab bereitwillig Auskunft. Ja, einige ihrer Freundinnen mit Gesichtstattoos seien noch am Leben. In den guten alten Zeiten, als sie selbst noch jung war, hätte man auch noch Hälse und Beine tätowiert. Aber vor 90 Jahren, als sie ihre Tattoos bekommen habe... Moment, vor 90 Jahren? Wie alt sie denn sei. Ach, geboren 1904; zur Zeit
meines Besuchs schrieben wir das Jahr 2006, also 102 Jahre... Ganz schön fit, die Gute!
Chinesische Bücher und Reiseführer verbreiten immer noch die – beinahe schon amüsante – Mär, dass die Tätowierungen dazu gedient hätten, japanische Invasoren davon abzuhalten, Li Frauen zu entführen und zu vergewaltigen. Das an sich wäre nicht lustig, eher schon die Tatsache, dass Japan Hainan von 1939 – 1945 besetzt
Ein Krümel Wahrheit mag in der Propaganda liegen, da die Li während ihre Jahrtausende währenden Anwesenheit auf der Insel ihre Kultur ständig gegen Eindringlinge verteidigen mussten. Eine uralte Legende der Li mag hier von der kommunistischen Desinformationsmaschinerie der Bevölkerungsmehrheit der Han zu ihrem Vorteil verdreht worden sein.
Es scheint, als wäre der Großteil der Kultur der Li bereits verloren gegangen, genauso wie bald die letzten tätowierten Frauen des Stammes verschwunden sein werden.
Doch davon ließ ich mich nicht entmutigen und machte mich auf den Weg zum Stamm der Dai im Südwesten von China, nicht weit von Thailand.


Dirk-Boris Rödel
Heiko Krämer
Jan Burger

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