Tätowieren in der Südsee – Marshallinseln: Teil I
Geposted von: Lars Krutak, am 21 Oktober 2009Wie alle Menschen in Ozeanien sind die Bewohner der abgelegenen Küsten hervorragende Seefahrer und Händler. Dieser Umstand trug zu einer merklichen Homogenität in der gesamten Region bei. Viele kulturelle Aspekte Mikronesiens finden sich ebenso in Melanesien und Indonesien, wie beispielsweise die langen geschmückten Häuser für die Zeremonien, hochwertige Textilwaren, das gesellschaftliche System der Stämme und Klassen, meisterhaft konstruierte, hochseetaugliche Kanus, die Zeremoniekultur mit z.B. Waffengebrauch, der Glaube an Naturgeister und der göttliche Ursprung der Tattookunst.
Tätowiert wird in ganz Ozeanien und die verblüffende Vielfalt der Kunstrichtungen, Designs und Motive lässt nicht sofort wiederkehrende Formen und ein Grundmuster hinter dieser Kunst als Ganzes erkennen. Doch bei genauerer Untersuchung der Tattoo-Mythologie zeigt sich ein immer wiederkehrendes Thema: die meisten Motive sind aus der Natur abgeleitet und die Tätowierkunst selbst ist ein Geschenk der Götter.
Marshallinseln
Die Marshallinseln bildeten keine Ausnahme, auch hier glaubte man an den göttlichen Ursprung des
“Malt Fische, gebt den Vögeln Farbe; erschafft neue Zeichnungen auf Eidechsen und Ratten. Zeichnet die Linien sorgfältig. [Erschafft] Zickzack-Linien, die blitzen, runde, tiefe, dunkle Punkte. Ein Geheimnis, die Farbe fällt vom Himmel. Zeichnet die Linien sorgfältig.” (Foto rechts: Älteste überlieferte Zeichnung von Tätowierungen der Marshallinseln, 1816)
Und wenn sie all die lebenden Kreaturen mit ihren besonderen Zeichnungen und Markierungen tätowierten (eo), so hieß es, kamen Lewoj und Lanij zu den Menschen:
“Du musst die tätowieren lassen, damit du schön bist und deine Haut mit dem Alter nicht schrumpelt. Die Fische im Meer sind gestreift und tragen Linien, deshalb müssen auch die Menschen solche Linien tragen. Alles verschwindet nach dem Tod, nur die Tätowierungen bleiben. Sie werden euch überleben. Der Mensch lässt alles hinter sich zurück auf Erden, all seine Besitztümer; nur die Tätowierungen nimmt er mit ins Grab.”
“Schlagt die Trommeln, klatscht in die Hände! Freude erfüllt diese Künstler des Himmels. Zeichnet die Linien sorgfältig.”
An den Tattoos der Menschen der Marshallinseln zeigte sich außerdem ihr gesellschaftlicher Status: ob Aristokrat oder Normalsterblicher. Die Menschen erkannten einen Häuptling (iroji) an dessen auffälligen Tattoos an Kopf und Nacken. Fingertätowierungen (eoon-addin) waren dagegen Frauen mit selbem Rang vorbehalten. (Ähnliche Traditionen der Fingertätowierung unter hochrangigen Frauen sind auch von den Fidschi-Inseln belegt.) Außer den Tattoos an den Fingern trugen Frauen, die es sich leisten konnten, auch Tätowierungen an den Schultern, sogenannte bwilak (vom Schwanz des Fregattvogels), auf der Brust und ein “geheimes” Tattoo an der Vulva. Diese Bräuche gab es auch in anderen Gebieten Mikronesiens (z.B. Palau, Pohnpei, Ulithi) und den Fidschi-Inseln.


Dirk-Boris Rödel
Heiko Krämer
Jan Burger

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