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Prähistorische Tätowierungen in Südamerika: Teil II

Geposted von: Lars Krutak, am 29 September 2010
9A_252 Rituelle Blutopfer haben eine lange Tradition in den Küstenstrichen des alten Perus und fast jede große Kultur praktizierte sie, darunter die Cupisnique (1200-200 B.C.), Chavín (900-200 B.C.), Paracas (700 B.C.–0), Nazca (0-700 A.D.), Moche (50-800 A.D.), Tiahuanaco (600-1000 A.D.), Chimú (1100-1470 A.D.) und die Inka (1450-1550 A.D.). Besonders verbreitet war der Brauch, die Köpfe anderer Menschen für rituelle Zwecke zu verwenden. Bei den Paracas und Nazca galten die rituell präparierten Köpfe als mächtige Kraftquellen, die man sich nutzbar machen und anzapfen musste, um Regen für die Felder zu bestellen und das Verhältnis zu verstorbenen Vorfahren und Göttern zu verbessern. Parallelen zu historischen Kopfjäger-Kulturen in Indien (Naga), Borneo (Iban), den Philippinen (Kalinga), Taiwan (Atayal) und Peru (Jívaro) untermauern diese Annahme. Die Kopfjagd aus rituellen Gründen sollte auch in diesen Teilen der Erde aus biologischer wie aus landwirtschaftlicher Sicht die Fruchtbarkeit sichern.

Die Chimú und andere alte peruanische Kulturen bildeten Kopftrophäen auf Textilien, Keramik und Wandbildern ab. Archäologische Funde in der Hauptstadt der Chimú,
Chan Chan, zeigten außerdem, dass es Massenbegräbnisse gab die offenbar in Zusammenhang mit Menschenopfern standen. Die Anzahl der Toten umfasste manchmal sogar mehrere Hundert.
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Der Blutkult der Chimú verblasst allerdings im Vergleich zur Kultur vor ihrer Zeit, den
Moche. Zwar gehen viele Facetten der Chimú-Kultur auf die älteren Traditionen der Moche zurück, z.B. die kunstvolle Ikonographie, Architektur und technische Neuerungen in der Keramik- und Gussherstellung. Doch soweit uns die rituelle Praxis von Menschenopfern der Chimú bekannt ist, schien sie bei den Moche noch verbreiteter und bedeutender gewesen zu sein. Da die Darstellungen von ritueller Opferung, Folter, Zerstückelung und Dekapitation so vielfältig und allgegenwärtig sind, müssen wir davon ausgehen, dass diese Praktiken keine Einzelfälle waren. Offenbar spielten sie eine wichtige Rolle im religiösen und gemeinschaftlichen Leben. Zudem belegen archäologische Funde aus verschiedenen Ausgrabungsstellen, dass die Moche Menschen opferten. Dazu gehört die Massenopferung von Huaca de la Luna, wo die zerstückelten und enthaupteten Überreste von mehr als siebzig männlichen Kriegern auf den Gräbern  zweier Kinder ohne Kopf entdeckt 10C_252 wurden.

Hinweise auf Kriegskunst, Menschenopfer und die offenbar gängige Praxis, menschliches Blut zu trinken, findet man auf Keramik, Textilien und besonderen Knochenobjekten mit Einlegearbeiten, sogenannten “Spatula”. Die elf Spatula in Besitz von Privatleuten oder Museen zeigen alle ähnliche Motive, darunter bewaffnete Krieger, übernatürliche Wesen, Tiere, den St.-Pedro-Kaktus und geopferte Tote.  Die Griffe der Spatula erinnern an die Faust eines Menschen und in der Moche-Kunst symbolisiert die halb zur Faust geballte Hand mit hervorstehenden Knöcheln eindeutig eine Berglandschaft – denn schließlich hatte die Natur die Hand des Menschen wie fünf Berggipfel geformt. Die Moche, genau wie die Inkas später, hielten Zeremonien auf den Berggipfeln ab, darunter auch oft die Opferungen von Menschen. Die Rolle dieser Knochenobjekte ist nicht geklärt, doch offenbar wurden sie von Schamanen, Priestern oder Priesterinnen verwendet, um geweihten Personen Flüssigkeit in den Mund einzuflößen.

Da man annimmt, dass es sich bei der Darstellung auf diesen Spatula um die Übertragung von Blut zwischen zwei Menschen handelt, das Geben und Nehmen einer mächtigen blutartigen Substanz, kann man davon ausgehen dass die Spatula als rituelles Gefäß für diese Blut-Transaktionen dienten. Bisher wurden jedoch an keinem der Spatula Untersuchungen auf Blutspuren vorgenommen.

Interessant ist weiterhin, dass die geschnitzten Motive der Knochenspatula mit den Tätowierungen der Moche am Handgelenk, Unterarm und auf dem Handrücken übereinstimmen. Ein seltenes, bemerkenswertes Beispiel für diese Tätowierungen wurde auf der mummifizierten Haut einer 18-jährigen Frau aus der alten Stadt Pacatnamu entdeckt. Die Figuren, in reinem Mochica-Stil ausgeführt, stellen menschenähnliche Kreaturen dar wie sie auch auf den Spatula gefunden wurden. Weitere tätowierte Moche-Mumien wurden in den letzten Jahren in der Ausgrabungsstätte von El Brujo gefunden, Peru’s “Tempel des Verderbens”. Eine hier ausgegrabene adlige Moche-Frau, die seither die “Fürstin von Cao” genannt wird, zeigt umfangreiche Tätowierungen mit übernatürlichen Wesen (oder auch Spinnen und Vögeln) und geometrischen Mustern, die ihre Unterarme, Hände und Fingerknochen bedecken. Ähnliche 10D_378 Tattoos wurden auch auf Mumien späterer Kulturen wie der Tiahuanaco und Chimú in Peru gefunden. Dennoch war die Forschungswelt überrascht, in welchem Kontext die Dame im Jahr 450 begraben wurde. Moche-Begräbnisse mit Priesterinnen gab es zwar auch schon zuvor, doch nie war eine Frau mit Waffen  wie Keulen und Speerschleudern begraben worden – den männlichen Herrschafts-Symbolen par excellence. Damit bezeugt der Fund zum ersten Mal eine Frau mit bedeutender politischer oder religiöser Macht in der Prä-Inkakultur, die vielleicht für ihre kriegerischen Fähigkeiten im Kampf verehrt wurde oder für ihre religiöse Rolle bei der Kriegsführung.

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