Tattoos in der Südsee: Teil 14
Geposted von: Lars Krutak, am 17 Januar 2012Die tuhuna der Marquesas, oder genauer gesagt die tuhuna patu tiki ("der die Motive sticht oder reißt”), hatten einen Schutzgott. Deren übertragbare Kraft ging auch auf die über, die mit ihnen während ihrer Arbeit in Kontakt kamen. Ein früher Autor schrieb, dass der Beruf des tuhuna vererbt wurde. Jede bedeutende Familie hatte eigene Tätowierer, die ihr Wissen von Generation zu Generation weitergaben.
Der tuhuna brachte seine Instrumente in einem Bambusbehälter mit, der etwa 20 cm lang war. Er breitete sie auf einem Stück tapa am Boden aus und bereitete sich auf seine Arbeit vor. Die Werkzeuge waren allgemein als ta bekannt (“stechen”). Wie in anderen Teilen Polynesiens gab es verschiedene Variationen dieser Instrumente und Kämme, je nachdem wie fein die Arbeit werden sollte (Linien oder ausgefüllte Flächen). Die flachen Instrumente für gerade Linien und feine Bögen waren aus Menschenknochen, die manchmal von geopferten Feinden stammten. Jedes Werkzeug war etwa 8 cm lang, flach und leicht keilförmig und hatte Zähne oder einen Kamm am Ende. Die Werkzeuge für kleine Bögen wurden aus den Beinen oder Flügelknochen der Tölpel oder einer anderen bisher nicht identifizierten Vogelart hergestellt.
Der tuhuna hatte vier oder fünf Assistenten, genannt ou'a ("Schüler"). Wie in anderen Teilen Polynesiens auch, hatte jeder seine bestimmt Aufgabe. Zwei oder mehr ou’a hielten die Arme und Beine des Patienten. Ein anderer spannte die Haut, damit die Arbeitsoberfläche schon glatt war. Ein weiterer wedelte die Fliegen von den blutenden Wunden weg oder füllte die vorgezeichneten Motive aus.
Der opou beriet sich mit dem tuhuna hinsichtlich der Motivwahl, auch wenn er sein Tattoo eigentlich frei gestalten konnte. Der Tätowierer skizzierte das Motiv mit einem Stück Holzkohle auf den Körper. Der Patient, nur mit einem Gürtel bekleidet, lag am Boden. Sobald das Motiv vorgezeichnet war, nahm der tuhuna oder ein Assistant den gezackten Hammer in die linke Hand und ein Stück tapa. Damit wischte er mit geschickter Handbewegung das Blut beim Stechen ab. Um stets genügend Tinte auf den Spitzen seines Tätowierkammes zu haben, tauchte er zwei Finger der rechten Hand in die Tinte und rieb den Kamm damit ein. Während des Stechens sang der tuhuna folgende Verse im gleichen Rhythmus, wie er der Tätowierkamm in die Haut des opou sauste, um ihn zu beruhigen:
Es wird gestochen, wird gestochen, wird gestochen,
es wird gestochen dein Motiv,
ich klopfe dein Muster,
den Bruder deiner Mutter,
die Schwester deiner Mutter,
mein Motiv.
Manchmal wurde auch gesungen, um den Patienten in seiner Qual aufzubauen. Es hieß, dass keine Frau einen untätowierten Mann heiraten würde. Und nicht einmal von Kindern würde ein Mann respektiert werden, wenn er kein Tattoo erhalten hatte.
Wir stechen, ja wir stechen dich ein bisschen, ja?
Wer weiß wer kommt und sich das ta-tu dieses Kerls ansieht?
Ein hübsches Mädchen wird kommen, ja!
Um sich das ta-tu dieses Kerls anzusehen, wer weiß?


Dirk-Boris Rödel
Heiko Krämer
Jan Burger

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